Blogbeiträge Freundschaft

Brüder (W)

Autorin: Ute Kowalski, 13.03.2011


Der Krieg und sein Bruder

von Irmela Wendt, Antoni Boratynski

Als der Krieg bereits ein hohes Alter erreicht hatte -  es gab ihn schon immer, sagten die Leute - wurde den Mächtigen in der Welt angst, es könne eines Tages aus sein mit ihm. Sie kamen zusammen, Freund wie Feind, und berieten miteinander, was zu tun sei. So verschieden ihre Meinungen auch waren, in einem stimmten sie überein:

Ohne Krieg ginge es nicht! 

Nach wochenlangem Hin und Her und unzähligen Reden und Gegenreden beschlossen sie, alles zu tun, um das Aussterben des Krieges zu verhindern. Von Nun an sollte niemand mehr, wenn er vom Krieg sprach, sein hohes Alter erwähnen dürfen. Auch in allen Lehr- und Lernbüchern war dies zu streichen und durch das ehrenvolle Wort von der ruhmreichen Tradition zu ersetzen.

Mit modernsten Waffen sollte er ausgerüstet werden. Daran durfte nicht gespart werden, nicht mit Geld und nicht mit Anstrengung. Den Worten folgten die Taten.  Zogen bisher Pferde die Kanonen in die Schlacht, wurden die Tiere jetzt durch Motoren ersetzt. Trugen bisher Soldaten einfache Gewehre, rüstete man sie jetzt mit Maschinengewehren aus.

Wurde bisher der Krieg zu Wasser und zu Lande geführt, wütete er jetzt erst recht in der Luft. Feuer fiel vom Himmel. Bomben explodierten. Kampfflugzeuge heulten im Sturzflug. Tiefflieger brachten Schrecken und Tod. Über Kontinente hinweg rasten Raketen ins Ziel. Immer toller gebärdete sich der Krieg. Keiner war mehr vor ihm sicher, auch die nicht, die zu Hause blieben: die Frauen mit ihren kleinen Kindern und die alten Leute.

Und weil die Mächtigen nicht aufhörten, den Krieg moderner zu machen, und jeder den anderen zu übertreffen suchte, wurden immer noch schnellere Flugzeuge und immer noch wirkungsstärkere Bomben und Raketen erfunden.

Dem Krieg gefiel das sehr. Er gab sich hin dem großen Rennen. Doch wo war das Ziel? Bomben hatte er genug, die ganze schöne Erdkugel zu vergiften und zu zertrümmern. Ein Rausch stieg in ihm auf, eine ungeheuerliche Lust lockte ...

Doch wo würde er selbst dann sein, wenn die Erde nicht mehr wäre? 

Nach Tausenden von Jahren war der Krieges zum erstenmal leid, dass er der Krieg war. Er wäre gern jemand anderer gewesen. Und ihn durchfuhr der seltsame Gedanke, er sei tatsächlich schon einmal ein anderer gewesen. Doch wer er gewesen, dessen wusste er sich nicht zu erinnern, so sehr er auch grübelte.

Er nahm Urlaub. Ließ die Zeituhr rückwärts laufen, ließ die Raketen, die Bomben, die Kampfflugzeuge, die Panzer, die Maschinengewehre, die Motoren hinter sich. Ritt wieder auf einem Pferd durch die Jahrhunderte, belagerte Städte und Burgen mit Steinwerfern, trug Schild und Speer, Schwert und Harnisch. Und als er Jahrtausende durcheilt hatte und nirgendwo Waffenfabriken waren, auch nicht die kleinste Schmiede, und Eisen und Stahl noch nicht erfunden, da übte er, mit Pfeil und Bogen zu schießen, und den Steinwurf aus der bloßen Hand.

Und immer wusste er noch nicht, wer er eigentlich gewesen war, bevor er der Krieg wurde. Einmal schnitzte er mit einem scharfen Feuerstein eine Keule aus einem harten Stück Astholz. Und als er von der Arbeit aufsah, bemerkte er in einiger Entfernung einen Mann, der ihn zu beobachten schien. Der Krieg hatte sich noch nie vor jemandem gefürchtet. Doch jetzt durchfuhr ihn ein heißer Schauer und war der Angst sehr ähnlich.

Wer bist du? rief der Krieg.
 
Der Fremde antwortete nicht. Doch kam er näher.
 
Wer bist du? rief der Krieg wieder.
 
Wer bist du? rief der Fremde zurück.
 
Wie bloßer Widerhall klang es, und der Krieg erschrak vor der Stimme. Er ließ Stein und Keule fallen und stand auf mit schwankenden Knien. Der Fremde war jetzt so nahe herangetreten, dass einer den Atem des anderen spürte.

Wer bist du? fragte der Krieg zum drittenmal.

Der du warst! antwortete der andere.

Und der Name? fragte leise der Krieg, ich erinnere an den Namen nicht.

Doch der andere schwieg. Sie gingen über die Heide, der eine neben dem andern, und nicht ein Wort kam über ihre Lippen. Nebel hing in der Luft, rührte Gräser an und Blumen, und als er sich hob, lag da ein Mensch, und sein Blut hatte die Erde und das Gras und die Blumen rot gefärbt.

Abel! Mein Bruder! Schrie der Krieg. Er fiel in die Knie, war nicht länger der Krieg, war, der er war, war Bruder, war Kain, war sich nicht mehr fremd. Tränen, in Jahrtausenden ungeweint, fielen wie Regen und wuschen alles Blutige weg. Und Bruder Abel stand auf. 

Sie trugen trockenes Reisig zusammen, schichteten Astholz darüber und zündeten ein Feuer an.
Sie sammelten Körner und allerlei süße Früchte, bereiteten am Rand der Glut ein Mahl und aßen miteinander. Und Kain erzählte was er bei den Mächtigen in der Welt erlebt hatte.

Darauf sagte Abel: Damals, als alles anfing, stand jeder allein an seinem Feuer. Hätten wir gemeinsam geopfert, Kain, mein Bruder, du hättest mich gewiß nicht erschlagen. So wäre auch alles, was danach geschah, nicht geschehen in der Welt. Deshalb will ich zu den Mächtigen gehen und sie bitten, einander beizustehen, anstatt zu zerstören und zu töten. 

Lange Zeit hatten die Mächtigen auf die Rückkehr des Krieges gewartet. Schließlich meinten sie, der Alte müsse nun doch wohl gestorben sein. Sie wollten ihm die  letzte Ehre erweisen und bestellten einen gewaltigen Sarg, tausend Mann lang und dreihundertfünfundsiebzig Mann hoch und ganz aus Stahl, und sie stellen ihn mitten auf den großen Truppenübungsplatz.

Sie füllten den Sarg mit all den Sachen, die dem Krieg die liebsten gewesen waren: mit Panzern, mit Kampfflugzeugen und Kanonen und Raketen und Maschinengewehren, mit den prächtigsten Uniformen, mit allerlei Orden und Ehrenzeichen, und alles fein verschrottet, damit viel hineinging.

Aus allen Ländern schickten sie Waffen. Und der Sarg sank wegen seines Gewichts tiefer und tiefer, und sie füllten die Grube mit Schrott.  Dann begann der Trauerzug. Vorneweg schritten die Mächtigen, die das Regieren tun, und die Generäle, die Schlachtenpläne entwarfen, und die Fabrikherren, die Waffen herstellten und verkauften, und alle schweigend und Trauer auf den Gesichtern. Nach ihnen das Volk, und das war lustig.

Am Ende scharten sich die Menschen um einen Mann, der nannte sich Bruder,
der erzählte, wie der Krieg erlöst wurde. 
 

Bild:‚©Der Krieg und sein Bruder / amazon.de' 
siehe auch: Weisheiten - Sprüche
siehe auch: Links - Bücher

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